Kunstaktion mit Walter Sachs, Exponate und Christine Meißner, Cello 21.02.2026
Auswahl und Reflektion, Senior Dr. Matthias Rein

„… auf schweren Wegen …“ Gedanken zu Bildern von Walter Sachs (Weimar)

im Rahmen von Kalymma 2026, 21.2. bis 4.4.2026, Ev. Michaeliskirche Erfurt 

- Dr. Matthias Rein -


„Bei Nacht und Nebel“ – so der der Titel des Bildes, das wir vor uns sehen.

Ich bin dem Bild von Walter Sachs vor 6 Jahren begegnet. Es hing in der Ausstellung „Kopfbahnhof 30 Jahre D 206. Die Thüringer Sezession“ in der Erfurter Kunsthalle. Entstanden ist das Bild vor 25 Jahren, im Jahr 2001. Dieses stille Bild hat mich nicht mehr losgelassen.

 

Wir sehen Menschen, schemenhaft dargestellt. Männer, Frauen, Kinder. Manche mit Gepäck. Sie sind unterwegs bei Nacht und Nebel. Die Gesichter sind nicht zu erkennen. Es herrscht Stille. Eine lange Reihe, ein endloser Zug. Menschen auf der Flucht. Über ihnen der schwarzverhangene Himmel, tiefhängende Wolken, regenschwer. Sie sind unterwegs in ödem Land, kein Baum, kein Weg. Bei Nacht und Nebel.

Menschen sind auf der Flucht. Sie fliehen vor Unrecht, Gewalt, Krieg und Hunger. Derzeit 117 Millionen, so das UN-Flüchtlingshilfswerk, über die Hälfte davon im eigenen Land.

 

„Bei Nacht und Nebel“ ist in diesem Jahr Teil der Kunstaktion Kalymma in der Erfurter Michaeliskirche. Ein schwarzes Tuch verhüllt den Altar in der Passionszeit. Allerdings nicht ganz. Die Darstellung der Kreuzigung Jesu bleibt sichtbar. Verdeckt ist die Darstellung des letzten Mahles Jesu mit seinen Freunden. Sie essen gemeinsam. Judas, der Jesus verraten wird, sitzt mit am Tisch. An die Stelle der Abendmahlsgemeinschaft tritt das Bild der Flüchtenden. Menschen auf der Flucht, Menschen in der Fremde – eine uralte existentielle Erfahrung von Menschen. Die Israeliten fliehen vor der Gewaltherrschaft des Pharao aus Ägypten, fliehen vor Knechtschaft und Unrecht. Maria und Joseph fliehen mit dem Neugeborenen nach Ägypten. Sie fliehen vor den Mordplänen des Königs Herodes. Meine Mutter floh als 10jähriges Mädchen vor der Kriegsfront, vor Gewalt und Tod. Wochenlang unterwegs im Winter auf dem Pferdewagen und zu Fuss. Nebenan wohnt eine Familie aus der Ukraine, geflohen vor Putins Drohnen. Ich wohne in einem Haus zusammen mit einer Familie aus Syrien, drei Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter. Geflohen vor Terror, Gewalt und Hunger.

 

Alle diese Menschen hat Walter Sachs in seinem Bild dargestellt. Es sind nicht die anderen, die, die unsere Hilfe brauchen. Es sind wir selbst. In unseren Familien, in unseren Lebensgeschichten finden sich diese Fluchterfahrungen.

 

Ein Bild in der aktuellen Ausstellung von Walter Sachs korrespondiert besonders mit dem Fluchtbild vor dem Altar. „Die Zurückgewiesenen“ – so sein Titel. Auch dort eine Reihe von Menschen. Sie werden aus dem Bild gedrängt. Ihre Hoffnung auf Ankommen, Ruhe, Heimat sind zunichte. Sie ziehen weiter. Keiner weiß, wohin.

 

Walter Sachs zeigt im Rahmen von Kalymma 2026 einen Zyklus mit Szenen aus der Passion Jesu. Auch hier stille Bilder, die Schrecken einfangen: Verrat, Geisselung, Stürzen, Sterben.  Mit Tusche und leichter Hand hingeworfen. Und doch hoch konzentriert, verdichtet, auf das Wesentliche beschränkt. Am Ende seines Weges flieht Jesus nicht vor seinen Verfolgern. Aber er versteht sich als Fremden in dieser Welt. 

„Ich bin fremd gewesen“ – so sagt er den Völkern im Weltgericht. Sie fragen: Wann haben wir dich als Fremden gesehen? Und er antwortet: „Wenn ihr die Flüchtenden und Fremden in der Welt seht, sehr ihr mich.“ Ebenso wie die Hungernden, Dürstenden, Nackten, Gefangenen.

„Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester, aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“ (Mt 8,20)

Diese Bilder führen uns unser Menschsein vor Augen: fremd, verraten, gequält, verspottet, zu Tode gebracht. Und sie verbinden uns mit Gottes Anteilnahme. Er nimmt teil, er sieht, er leidet. Und er führt durch das Leid.

Dafür steht das Bild von der Himmelfahrt Jesu und der tröstende Engel, eine Bildhauer-Arbeit von Walter Sachs. Sie korrespondiert mit der Skulptur von Walter Sachs „Christus in der Rast“, die im Gebäude des Landeskirchenamtes hier in der Nachbarschaft steht.

 

Walter Sachs´ Bilder lenken unsere Blicke auf uns selbst, auf den Nächsten und auf Gott. 

Dafür herzlichen Dank!

 

Gebet:

Gott, Du Begleiter aller Menschen auf der Flucht und in der Fremde,

wir denken an alle, die unterwegs sind, auf der Flucht vor dem Tod, auf der Suche nach Wärme, Sicherheit und Heimat.

Wir bitten Dich: Gehe mit ihnen, sei ihnen nahe. Wärme ihr Herz. Schenke ihnen Hoffnung.

 

Gott, du Suchender, Umherirrender, Abgewiesener,

Wir erkennen dich in den Menschen, die fremd sind in der Welt. Du bist unterwegs mitten unter uns. 

Wir bitten dich: Bleibe fremd in dieser Welt, die für viele dunkel und trüb ist.

Bleibe bei denen, die suchen und allein sind.

 

Gott, du siehst unsere Unbehaustheit, unser Fremdsein, unsere Heimatlosigkeit.

Gib uns Heimat bei dir, im Himmel, Heimat, die Bestand hat, Heimat, die ewig ist.

 

Amen

 

Matthias Rein, Senior des Ev. Kirchenkreises Erfurt

 

Titel der Bilder der Ausstellung:

… daß dieser Kelch von mir gehe!

Warum bist du gekommen?

Der Knecht führt es aus.

Ecce homo

Unter der Last des Kreuzes

Zu der neunten Stunde

Himmelwärts

Brüder

Die Zurückgewiesenen 

Kunstaktion mit Christoph Lammers, München und KMD Ingrid Kasper, 29.03.2025

Kalymma (griechisch "Tuch") bezeichnet die Tradition der Kreuzverhüllung während der Passionszeit. Seit 10 Jahren findet in der Michaeliskirche diese Zeit ihren Auftakt in einer Kunstaktion. In dieser Veranstaltung präsentiert ein Künstler seine Umsetzung dieser Thematik. Wesentlicher Bestandteil ist eine meditative Hinführung zu den Werken, gestaltet als liturgischer Teil durch den Senior des Kirchenkreises Dr. Matthias Rein.


Analog zum Auftakt vor 10 Jahren wird in 2025 die Kunstaktion durch Christoph Lammers, München im Zusammenspiel mit der LKMDin Ingrid Kaspar (Orgel, Flügel) realisiert.

Zu dieser Zeichen-Musik-Performance sind Sie am 29. März herzlich eingeladen.

Anschließend wird es in der Michaeliskirche wieder einen kleinen Empfang geben.
Der Beginn der Kunstaktion ist 16.00 Uhr.

Kalymma 2024 - Julia Ludwig, Berlin

Kalymma 2023 - Eberhard Ross, Frankfurt, M.

Kalymma 2022 Hans Härtel, Erfurt

Kalymma 2021 - Falko Bärwald, Weimar

Kalymma 2020:  "Das Wunder des Hl. Markus befreit einen Sklaven"
Original von J. Tintoretto  1548, in Gallerie dell'Accademia (Venedig)
als Kohle-Umsetzung von Jost Heyer, Erfurt